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Der Grenfell Tower – Brandschutz bei vorgehängten hinterlüfteten Fassaden

Eines der schrecklichsten Brandunglücke des letzten Jahrzehnts war der Brand des Grenfell Tower in London. In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 2017 brannte das 24-geschossige Wohnhochhaus im Stadtviertel North Kensington weitgehend aus. Der Brand breitete sich über die neue vorgehängte hinterlüftete Fassade aus. Innerhalb von Minuten griff der Brand auf das gesamte Gebäude über. 72 Menschen starben. Warum?

Beauftragung eines Untersuchungsausschusses

Von der britischen Regierung wurde Anfang Juli 2017 Sir Martin Moore-Bick der Auftrag erteilt, einen öffentlichen Untersuchungsausschuss aus Brandexperten einzusetzen. Dieser Ausschuss begann zu klären, was bei dem Grenfell-Tower-Brand geschehen war und warum der Brand so dramatisch schnell verlief. Die Anwälte und beratenden Brandschutzexperten werten 400 000 Dokumente wie Augenzeugenberichte Bild- und Filmmaterialien sowie die technischen Unterlagen aus.

Die Untersuchung wurde in 6 Phasen aufgeteilt:

  • Phase 1: Klärung der Entstehung, Ausbreitung, Verlauf des Brandes und Arbeit der
    Feuerwehr, Bericht erschienen Oktober 2019
  • Phase 2: Prüfung der rechtlichen Grundlagen, Baumängel, Verantwortlichkeiten
  • Phase 3: Schlussfolgerungen zur Arbeit der Rettungskräfte
  • Phase 4 / 5: Empfehlungen
  • Phase 6: Gewichtungen identifizieren aus Phase 2


Parallel laufen nichtöffentliche kriminaltechnische Untersuchungen, da Vorwürfe der fahrlässigen Tötung, Verletzung von Amtspflichten und Nichtbeachtung von Brandschutzvorschriften im Raum stehen.

Das Gebäude – der Grenfell Turm

Insgesamt bewohnten etwa 600 Menschen das Gebäude. Das 24geschossige Wohngebäude hatte einen rechteckigen Grundriss von 25×25 m mit einem innenliegenden Aufzugschacht und Sicherheitstreppenraum. Der Treppenraum war durch Brandschutztüren abgeschlossen, jedoch nicht belüftet.

Die angeschlossenen H-förmigen Flure verfügten ursprünglich über eine Luftspülung, zwei Schachtöffnungen je Stockwerk dienten der Zuluft, zwei Schachtöffnungen dienten der Entlüftung auf jedem Stock.

Nach der Renovierung 2012 bis 2016 wurde das Entlüftungssystem geändert, alle Schächte dienten nun der Entrauchung der Flure. Die Nachströmung sollte aus dem Treppenraum als Zuluftschacht erfolgen. 2011 waren bereits die Brandschutztüren getauscht worden. Zum Treppenraum waren Brandschutztüren T60RS, zu den Wohnungen T30 eingebaut worden. Im Außenbereich des Gebäudes war eine neue hinterlüftete Fassade angebracht worden.

Das Brandschutzkonzept

Vor dem Hintergrund, dass eine Evakuierung solch eines großen Gebäudes schwierig sein kann, war eine Räumung im Brandfall nur nach dem Ermessen der Feuerwehr vorgesehen. Das Ziel war stattdessen „stay and put“ (bleiben und sitzen, also Leute drin lassen).

Parallel sollte eine sofortige Brandbekämpfung in der betroffenen, brennenden Wohneinheit „defend in place“ (Verteidigung vor Ort) erfolgen. Rauch und Feuer sollten durch Türen und Belüftung der Flure ausreichend lange in der betroffenen Einheit gehalten werden, so dass die übrigen Menschen nicht gefährdet werden.

Wenn man die Größe des Gebäudes und die Schwierigkeit einer Evakuierung bedenkt, war dies ein durchaus akzeptables Konzept. Ein großer Fehler war es allerdings, dieses Konzept als unumstößlich anzusehen und, wenn die Lage eskaliert, nicht auf eine Evakuierung vorbereitet zu sein.

Der Vorbedingungen des Brandes: Was schiefgehen kann, geht schief

Die Brandschutztüren

Tatsächlich zeigte sich in der Brandnacht, dass noch nicht alle Brandschutztüren getauscht worden waren 1. So hielt nur ein Teil der Brandschutztüren dem Rauch stand. Manche Türen schlossen nicht richtig, einige mussten durch die Feuerwehr aufgebrochen werden, andere waren durch Feuerwehrschläuche blockiert.

Das Entrauchungssystem und die vorgehängte Fassade

Auch das Entrauchungssystem funktioniert nicht korrekt. Eine Woche vor dem Brand waren Fehlfunktionen dokumentiert, aber nicht behoben worden. Außerdem war das Rauchabzugssystem lediglich für ein Geschoss und nicht für unendlich viele Geschosse ausgelegt. 2

Von der Bewohnerorganisation „Grenfell Action Group“ wurde gemeldet, dass die Flucht und Rettungswege nicht freigehalten wurden: Sperrmüll auf den Fluren, parkende Autos in den Feuerwehrzufahren – alles geduldet von der Hausverwaltung. Es gab nur einen Hauptausgang.

Entscheidend aber war: Über die neue hinterlüftete Fassade umging das Feuer das Konzept „defend in place“ in rasender Schnelle – nach nur 30 Minuten war auch das Konzept „put and stay“ gescheitert.

Die Britischen Bauregeln – Probleme mit der hinterlüfteten Fassade

Der direkte Bezug zu vorgehängten Fassaden-Elementen findet man in den British Building Regulations Requirement: „Die Außenwand des Gebäudes sollte der Ausbreitung von Feuer entlang der Wand des Gebäudes und von einem Gebäude zum nächsten widerstehen, unter Berücksichtigung der Höhe (>18 m) und der Art und Nutzung des Gebäudes …“ 3

Nach den britischen Bauregeln, müssen Außenwände feuerwiderstandsfähig sein, wobei Fensteröffnungen erlaubt sind. Diese Feuerwiderstandfähigkeit bezieht sich auf tragende Bauteile und Außenwände bei einem Brand im Gebäude, bei Brandeinwirkung von außen bis 1 m um das Fenster.

Die Feuerwiderstandsfähigkeit betrifft allerdings nicht die Fassaden-Paneele. Von diesen wird nicht verlangt, dass sie unbrennbar sind, sondern „nur“ einen begrenzten Beitrag zur Brandausbreitung „limited combustility“ (schwer entflammbar) leisten.

Die Dämmung mit Polyurethan PUR und Polyisocyanaurat PIR

Auf die Betonoberfläche der Außenwände wurden im Rahmen der Sanierung Polyurethan PUR und Polyisocyanaurat PIR – Dämmstoffplatten mit einer Dicke bis zu 160 mm aufgeklebt. Diese hochvernetzten Hartschaumdämmstoffplatten aus der Polyurethan-Familie zeichnen sich durch hohe Festigkeit bei einem sehr niedrigen Wärmedurchgangskoeffizienten aus, die im Brandfall nicht schmelzen und nicht brennend abtropfen. Diese Platten sind selbstverlöschend und verkohlen.
PIR-Platten sind sogar noch beständiger als PUR-Platten. Sie können bis zu 260°C widerstehen, sind beständig gegenüber vielen Chemikalien, und wasserabweisend. Als Dämmstoffplatte kommen sie mit einer beidseitigen Alukaschierung in den Handel.

Je nach Ausrüstung sind diese Dämmstoffplatten:

  • Baustoffklasse nach DIN 4102-1: B2 normal entflammbar und B1 schwer entflammbar,
  • Baustoffklasse nach DIN EN 13501-1: C schwer entflammbar und D, E normal entflammbar,

Letztendlich sind PUR- und PIR-Platten jedoch – wenn auch schwerentflammbar – brennbar und in
einem Wärmestau eingeschlossen, mit heißem Aufwind beaufschlagt, eine Brandlast.

Im Brandfall beginnt ab ca. 300 °C die intensivste Zersetzung des PUR/PIR. Die Isocyanate bilden sich teilweise zurück, mit Stickstoff aus dem PUR entsteht bei höheren Temperaturen um 850°C hochgiftige und hochentzündliche Blausäure. Die Dampf-Luft-Gemische sind im Bereich von 5,4–46,6 Vol.-% explosiv.

Weitere Zersetzungsprodukte sind Ameisensäure, sowie weitere toxische Brandgase. Die Rauchgase reizen Haut und Augen, schädigen die Lungen und sind giftig beim Einatmen oder Verschlucken. Die Dämpfe machen schläfrig und benommen, bei hoher Konzentration sind sie tödlich. 4

Die Wetterschutzverkleidung – die vorgehängte hinterlüftete Fassade

Vor diese Dämmung wurde in einem Abstand von bis zu 150 mm und in Form einer Sandwichplatte eine Wetterschutzverkleidung angebracht, bestehend aus 3 mm Polyethylen (PE) angebracht. Diese war beidseitig umgeben mit einer 0,5 mm dicken Schicht aus Aluminium Composite Panel ACP.

Polyethylen besteht chemisch aus Wasserstoff und Kohlenstoff. Es ist von niedriger Festigkeit, Härte und Steifigkeit, besitzt aber eine hohe Dehnbarkeit und Schlagzähigkeit sowie eine geringe Gleitreibung. PE ist chemikalienbeständig und besitzt eine geringe Wasseraufnahmefähigkeit, unter Wärme dehnt es sich stark aus. Bei Temperaturen von > 80 °C erweicht Polyethylen, es schmilzt bei 130-145 °C. PE brennt normal, rückstandsfrei, mit tropfender, heller Flamme. Wenn man die Flamme entfernt, brennt es weiter.

Vermutlich wurde diese Ausführung am Turm verbaut: Baustoffklasse nach DIN 4102-1: B2 normal entflammbar, Baustoffklasse nach DIN EN 13501-1: D, normal entflammbar, hinnehmbarer Beitrag zum Brand. (Es gibt zwei weitere Versionen mit anderen Innenmaterialien, die nach EN-13501 eine höhere Brandschutzklassen B-s1, d0 („schwer entflammbar“) und A2-s1, d0 („nicht brennbar“) erreichen.)

Nach aktueller Veröffentlichung des Herstellers sind die Aluminium Composite Panel ACP wie
folgt einzustufen: Baustoffklasse nach DIN 4102-1: B2 normal entflammbar. Baustoffklasse nach DIN EN 13501-1: D normal entflammbar, hinnehmbarer Beitrag zum Brand. Sie widerstehen der Beanspruchung durch eine kleine Flamme und durch einen kleinen Wärmestrom.

Materialprüfung – auf die Testverfahren kommt es an

Konnte mit diesen Materialien das Ziel eines begrenzten Beitrages zur Brandausbreitung (limited combustility) nach britischem Baurecht erreicht werden?

Ein großer Fassadentest 5 wie er in Deutschland als „Sockelbrandtest“ für Wärmedämmverbundsysteme WDVS nach VVTB Anhang 5 vorgeschrieben ist, wurde nicht durchgeführt, nicht einmal ein SBI-Test (Single Burning Item, auch Kleineckentest 6 genannt). Bei beiden Test werden Prüfkörper wie Fassadenpaneele mit unterschiedlichen Gasbrennern über 20 min beflammt. Der Brandverlauf wird messtechnisch aufgezeichnet: Energiefreisetzung, Flammenausbreitung, Rauchentwicklung. Nebenerscheinungen wie brennendes Abtropfen/ Abfallen werden visuell festgehalten.

Zusammen mit den Prüfberichten (großer Fassadentest nach VVTB Anhang 5) könnte so eine Aussage über das Verhalten von Fassadenkonstruktion getroffen werden. In Deutschland kann mit diesen Prüfberichten eine Bauartgenehmigung aBG für nicht genormte Fassaden-Paneele beantragt werden.

Die Fenster in der Dämmung der Fassade des Grenfell Tower

Die ursprünglichen Fenster des Grenfell Towers waren entfernt und neue Aluminiumrahmen (Fensterelemente gehalten durch Aluminiumschienen) vor die Betonoberfläche in die Dämmebene der neuen Fassade versetzt worden. In diese Aluminiumschienen wurden von oben und unten gegen die Fenster die Hartschaumdämmplatten der Außendämmung eingelassen.

Die Anbindung der Fensterelemente nach innen, bzw. die Abdeckung der Hohlräume erfolgte durch PVC Elemente (Fensterbrett, Deckenrahmen) auf einer Holzlatte, PUR-Schaumblock-Unterkonstruktion. Nach außen wurden die Fensterelemente durch eine Dichtfolie zur Fassadendämmung abgedichtet.

Unterhalb der Fensterzeilen und um die Fenster sah die Planung in jedem Stockwerk horizontale, gebäudeumlaufende Brandriegel vor. Nach dem Bericht des Untersuchungsausschusses 7 wurden tatsächlich nur die oben erwähnten PVC-Rahmen in Nähe der brennbaren Dämmung verwendet, so dass dieses Gesamtdesign es dem Feuer ermöglichte hinter die Fassadenpaneele einzudringen. Laut Bericht 8 war die Hitze hinter den Fassadenpaneelen so groß, dass die Glasfenster zersprangen. Wegen der Sommerhitze standen zudem viele Fenster auf.

Der Brandausbruch beim Grenfell Tower

In der Küche der Wohnung 16 war aufgrund eines technischen Defekts eine Kühl-Gefrier-Kombination in Brand geraten. Laut Sir Martin Moore-Bick Bericht 9 ist dem Vermieter keine Schuld zuzuweisen, die genaue Ursache des elektrischen Defekts konnte nicht mehr ermittelt werden. Die Hitze verformt den PVC-Rahmen des Küchen-Fensters und bringt das Fenster zum Einsturz. Feuer und Rauch dringen in den Zwischenraum hinter den Fassadenpaneelen ein, bevor die Feuerwehr die Küche betritt.

Der Brandverlauf vom Ausbruch bis zum Abschluss

0.54 Notruf: Brand in der Küche, Wohnung 16, Ebene 4,
0.59 die Feuerwehr trifft ein,
1.08 fortentwickelter Küchenbrand von außen erkennbar, weitere Feuerfahrzeuge treffen ein,
1.12 Feuerwehreinsatzleiter erkennt Brand außen an Fassade,
1.14 die Feuerwehr erreicht die Küche, erste Wasserabgabe,
1.14 Bewohner über der Wohnung 16 bemerken Brand in ihrer Wohnung und fliehen,
1.16 starke Flammenerscheinung außen sichtbar,
1.16 Personen mit Tüchern vor dem Mund fliehen aus dem Gebäude,
1.18 Rauch dringt in Flure der Ebenen 5, 6, 15, 16 ein,
1.19 weitere Menschen fliehen aus dem Gebäude,
1.21 Feuerwehr meldet Feuer aus (aus Sicht der Angriffstrupps in der Wohnung 16, Ebene 4),
1.26 Flammen an der Stützenverkleidung von Ebene 4 – 23 von außen sichtbar,
erste Paneele fallen ab.
1.26 nach Meinung der Brandschutzexperten war jetzt die letzte Möglichkeit für eine
Evakuierung. 36 Minuten nach Meldung hat sich das Feuer in der senkrechten über alle 19 folgenden Stockwerke ausgebreitet. In den Wohnungen über dem Brandausbruch sind weitere Entstehungsbrände entstanden.
1.36 Rauchentwicklung in den darüber liegenden Wohnungen,
1.38 Treppenraum noch rauchfrei,
1.40 im Treppenraum beginnende Verrauchung,
1.49 Feuer in der darüber liegenden Wohnung,
1.50 168 der tatsächlich 297 anwesenden Bewohner sind geflohen,
1.58 Treppenraum verraucht, Flure 6, 10, 14, 19, 20 mit Rauch gefüllt und heiß,
2.35 Feuerwehr fordert zum Verlassen des Gebäudes auf, widerruft die Stay-put-Regel,
2.47 noch 107 Personen im Gebäude,
2.54 die Feuerwehr entschließt sich zur Rettung der noch im Gebäude verbliebenen Personen mittels Atemschutzmasken (Fluchthauben für Laien hielt die Feuerwehr Londons nicht vor),
3.38 senkrecht stehende Flammensäule hat sich um den gesamten Turm ausgebreitet und geschlossen – die gesamte Fassade brennt,
5.30 die letzten Notrufe aus dem Gebäude,
8.07 letzte lebende Person gerettet.

Chaotische, grauenhafte Zustände: Menschen springen aus den oberen Geschossen, manche fliehen nach oben in den Tod. Die Feuerwehr versucht Personen von verrauchten Wohnungen in rauchfreie zu bringen um sie „später“ retten zu können, „stay and put“? In den folgenden Stunden konnte in den oberen Stockwerken kein Innenangriff mehr durchgeführt werden, nahezu alle brennbaren Stoffe wurden vom Feuer erfasst. Nur die von den Hubrettungsfahrzeugen erreichbaren unteren Stockwerke konnten von außen mit Wassermonitoren erreicht werden.

Nach 24 Stunden ist das Feuer unter Kontrolle, die Feuerwehr beginnt im inneren die unterbrochene Suche nach Vermissten und löscht verbliebene Kleinbrände ab. 40 Löschfahrzeuge, 200 Feuerwehrleute, 100 Sanitäter waren im Einsatz. 72 Menschen kommen ums Leben.

Die Verantwortlichen des Brandes

In der folgenden Woche wurden 5 Hochhäuser in London evakuiert, wegen umfassender Sicherheitsmängel, an 5 weiteren Hochhäusern wurde angeordnet die Fassade zu sanieren. Am 30. Juni 2017 tritt der Chef der kommunalen Hausverwaltung zurück. Um Geld zu sparen, waren die günstigere Variante der Fassaden-Paneele verwendet worden, obwohl zunächst widerstandsfähigere vorgesehen waren.

Sir Martin Moore-Bick wirft in seinem Bericht 10 der Feuerwehr und den anderen Rettungsdiensten seitenlang Versagen vor. Entscheidend war vor allem die späte Evakuierung. Die Londoner Feuerwehrchefin widerspricht im Oktober, am 31.Dezember 2019 tritt sie zurück.

War die vorgehängte hinterlüftete Fassade Schuld?

Obwohl eine Bewertung in der 1. Phase seines Berichts vom Oktober 2019 noch nicht vorgesehen ist, äußert Sir Martin Moore-Bick schon hier die Vermutung, dass die Fassadenpaneele nicht der gesetzlichen Bestimmungen entsprachen. 11

„Sie haben keinen angemessenen Widerstand gegen die Ausbreitung von Feuer und Rauch geleistet, wie sie es entsprechend der Höhe, Art und Nutzung des Gebäudes hätten tun müssen. Obwohl die Hersteller das Gegenteil bewarben. Es wird in Phase 2 notwendig sein zu untersuchen, warum die Personen, die in der Verantwortung der Ausführung der Renovierung standen, der Ansicht waren, der Turm würde diese essentiellen Anforderungen dennoch erfüllen.“

In zahlreichen Veröffentlichungen hat die deutsche Dämmstoffindustrie darauf hingewiesen, dass die brennbare Dämmung nicht die Ursache war, sondern die vorgehängten hinterlüftete Fassadenpaneele und der damit verbundene Kamineffekt.

Sir Martin Moore-Bick sieht das anders: „Es ist klar, dass die Verwendung von brennbaren Materialien in der äußeren Wand des Grenfell Tower prinzipiell in Form der ACE Regenschutz-Paneele, aber auch in Form der brennbaren Dämmung, die Gründe waren, warum sich das Feuer so schnell über das gesamte Gebäude ausbreiten konnten.“ 12

Weitere Gründe für den Verlauf der Katastrophe

Weiterhin wurden im Bericht viele weitere Gründe genannt, warum das Feuer so verheerende Auswirkungen haben konnte. Diese haben nichts mit der Bauart und den Baumängeln der Fassade zu tun, sind aber ganz entscheidend für die vielen Todesfälle. Hier seien nur Auszüge genannt: mangelnde Bauaufsicht, mangelnde Überwachung (Brandverhütungsschau), Verwahrlosung (Müll), Zuparken der Feuerwehrzufahrten, Rettungskonzepte, die einen Vollbrand nicht berücksichtigen, ungenügende Brandschutztüren und Entrauchungsanlage.

Außerdem wurde auf Mängel bei den Sicherheitskräften verwiesen: Versagen der Notrufleitstelle, unklare Anweisungen an die Bewohner, Fehleinschätzungen der Feuerwehr, widersprüchlicher Informationsaustausch, ungenügendes Rettungskonzept ohne Möglichkeit der Strategieänderung, mangelnde Ausrüstung wie Fluchthauben und Langzeit-Atemschutzgeräte und ein Versagen der Kommunikation zwischen Polizei-Hubschrauber und Feuerwehrleitstelle.

Das Fazit:

Im Bericht gibt es seitenlange Mängellisten, die den abwehrenden Brandschutz (Feuerwehr) und den vorbeugenden Brandschutz (organisatorisch, anlagentechnisch und zuletzt baulich) betreffen.

Der Betreiber der Wohnanlage tat zu wenig, um die Anlage instand zu halten und gegen Vermüllung, Vandalismus und Gleichgültigkeit vorzugehen, obwohl er durch eine Bewohnerinitiative darauf hingewiesen wurde. Vor allem aber wurden die Mängel der gesetzlichen Brandverhütungsschau nicht beseitigt. Um solch einen Mängelbericht auszuwerten, empfehlen wir Baugenossenschaften und Betreibern von Wohnanlagen eine professionelle Beratung für die Auswertung und Umsetzung.

Die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Feuers ist durch die Bauart der Fassade und deren brennbare Baustoffe, aber auch durch das Versagen der Brandschutztüren zu erklären. Ersteren kann man mit geeigneten Material- und Bauteilprüfungen vorbeugen, die nur teilweise durchgeführt wurden. Letztlich kam es aber zu so vielen Todesfällen, weil die Rettungskräfte die Lage falsch einschätzten und völlig überfordert waren, sich auf die schnell eskalierende Lage einzustellen.

Es wird interessant sein, wie in den weiteren Berichtsphasen die Handwerker und Ersteller der Fassade sowie die Hersteller der Paneele mit ihrer Werbestrategie beurteilt werden. Sir Martin Moore-Bick gab bereits Hinweise, dass die Ausführung nicht den britischen Bauregularien entsprach. Der nächste Berichtteil Phase 2 wird 2020 erwartet.

Die brandschutz.org unterstützt Sie als Betreiber von Wohnanlagen gerne und berät Sie zur Brandverhütungsschau.

Kontaktieren Sie uns – wir beraten Sie gern!


1 nach Bericht Phase 1 Teil 3, Schlussfolgerungen Abs 2.14.

2 laut Bericht des Untersuchungsausschusses Phase 1,Kap 4, Abs 34.12

3 British Building Regulations Requirement B4 (1)

4 BASF Chemistry Elastopir, Rockwool Baunetzwissen. EU-Sicherheitsdatenblatt. Schröter/Lautenschläger: Taschenbuch der Chemie. Maclovio Herrera Salinas: Untersuchung flüchtiger Verbindungen bei der thermischen Zersetzung von stickstoffhaltigen Polymerwerkstoffen, Doktorarbeit an der Technischen Universität München.

5 Beim großen Fassadentest besteht die Prüfeinrichtung ebenfalls aus einer „Wandecke“. Die Brandbeanspruchung am Prüfstand erfolgt aus einer Fensteröffnung in der unteren Prüfstandsecke. Der Brand wird durch ein 300 kW/h Sandbett-Gasbrenner oder einer Holzkrippe erzeugt. Der Prüfkörper (z. B. Fassadenpaneele) ist 5,50 m hoch, ein Eckenschenkel ca. 2,50m, der andere Eckenschenkel 1,50 m. Beflammt wird über > 20 Minuten, danach wird das Feuer gelöscht und es beginnt eine 60 minütige Beobachtungszeit.

6 Die Prüfeinrichtung besteht aus einer „kleinen Wandecke“. Der Prüfkörper ist 1,5 m hoch, ein Eckenschenkel 0,5 m, der andere Eckenschenkel 1,0 m. Beflammt wird mit einem Sandbett-Brenner in der Ecke über 20 Minuten. Der Brandverlauf wird messtechnisch aufgezeichnet: Energiefreisetzung, Flammenausbreitung, Rauchentwicklung. Nebenerscheinungen wie brennendes Abtropfen/ Abfallen werden visuell festgehalten.

7 Untersuchungsausschusses Phase 1 Kapitel 4, Abs 34.10

8 Bericht Phase 1 Teil 3, Schlussfolgerungen Abs 2.14.

9 Bericht Phase 1 Teil 3 Abs 2.12

10 Bericht der 1. Phase der Untersuchung des öffentlichen Untersuchungsausschusses

11 Requirement B4(1) of Schedule 1 to the Building Regulations 2010

12 Untersuchungsbericht Phase 1, Kapitel 2, Abs 33.6:

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